2025-03-08: Internationaler Frauentag 2025

Internationaler Frauentag 2025Endlich ist wieder Internationaler Frauentag – Zeit für das alljährliche Nachbarschaftsfrühstück in der Rita-Süssmuth-Straße. Diesmal treffen sich alle bei Christine. Sie verabschiedet sich noch schnell von Klaus, den sie gestern spontan mit nach Hause genommen hatte. Seit Christine und ihr Ex getrennte Wege gehen, ist sie kleinen Abenteuern mit wechselnden Bekanntschaften nicht abgeneigt. "Frau" will schließlich auch ein bisschen Spaß haben, und dazu gehört auch guter Sex. Ihre Gynäkologin hat sie ausführlich darüber beraten, wie sie sich vor HIV und STI schützen kann, auch die PrEP war ein Thema. Jetzt überlegt Christine, ob die PrEP das Richtige für sie ist. Ihre Nachbarin Anna kann ihr einige Fragen beantworten. Sie nimmt die PrEP, seit sie mit Noah zusammen ist. Er hatte erst kurz vor ihrem Kennenlernen bei einem der HIV-Tests, die regelmäßig in den Arztpraxen für alle unabhängig von Alter und Geschlecht angeboten werden, erfahren, dass er HIV-positiv ist und kurz darauf mit der Therapie begonnen. Die Medikamente verträgt er gut, aber die Therapie wirkt noch nicht lange genug. Bis dahin will Anna auf Nummer sicher gehen. Katja bringt den kleinen Leo mit. Sie ist seit ihrer Geburt HIV-positiv – damals war die Forschung noch nicht so weit, dass eine Übertragung des Virus verhindert werden konnte. Inzwischen liegt ihre Viruslast seit Jahren unter der Nachweisgrenze, so dass sie ohne medizinische Unterstützung schwanger werden und auch vaginal entbinden konnte. Alle beteiligten Ärzt*innen haben sie dabei unterstützt und ihre Wünsche respektiert. Eine vorbeugende HIV-Therapie war bei Leo nach der Geburt nicht nötig. Aber jetzt hat er Hunger und möchte gestillt werden. Elif kann nur auf einen kurzen Kaffee bleiben. Die Krankenschwester muss an diesem Feiertag arbeiten. Auch sie ist HIV-positiv, hat aber wie Katja dank ART eine Viruslast unter der Nachweisgrenze. Sie hat ihre Kolleg*innen von Anfang an über ihren HIV-Status informiert. Angst vor Diskriminierung hatte sie dabei nicht, warum auch? Schließlich werden in ihrem Krankenhaus alle Mitarbeiter*innen geschult, auch über die neuesten Erkenntnisse zu HIV.

Ob so ein Nachbarschaftstreffen am Internationalen Frauentag wirklich irgendwo stattfindet? Wohl kaum – zumindest nicht schon in diesem Jahr. Das vermuten auch Petra Hielscher (Aidshilfe NRW) und Manuela Brandt (Aidshilfe Westmünsterland). Das liegt aber nicht daran, dass es Frauen wie Christine, Anna, Katja und Elif nicht gibt – sondern daran, dass sie im gesellschaftlichen Diskurs oft nicht vorkommen. Weibliche Sexualität wird auch 2025 noch immer anders wahrgenommen als männliche, Frauen mit HIV werden oft erst spät diagnostiziert, weil Ärzt*innen HIV nicht in Betracht ziehen. Deshalb wollen Hielscher, Brandt und ihre Mitstreiterinnen von XXelle, die in der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen* und HIV/Aids in NRW vernetzt sind, mit einer Instagram-Kampagne zum Internationalen Frauentag für mehr Gleichberechtigung werben. Das Motto des IFT lautet in diesem Jahr "Each for Equal".

"Die Gleichberechtigung funktioniert leider noch längst nicht in allen Bereichen", sagt Hielscher mit Blick auf HIV. Als Beispiele nennt sie den Zugang zu medizinischer Versorgung, Informationen über Schutzstrategien oder die Wahrnehmung weiblicher Sexualität in der Gesellschaft. "Viele Männer, die Sex mit Männern haben, kennen die Übertragungswege und haben von Schutzmöglichkeiten gegen HIV wie der PrEP gehört. Frauen hingegen wissen oft gar nichts darüber", macht Brandt deutlich. Wer nun davon ausgeht, dass Frauen mit ihren Gynäkolog*innen über Sexualität und Schutzstrategien vor sexuell übertragbaren Krankheiten sprechen, liegt leider häufig falsch. "Die Ärzt*innen haben meist nur wenig Zeit für die einzelne Patientin und bei den Terminen geht es oft um Themen wie Schwangerschaft beziehungsweise Verhütung oder um Krankheiten wie Krebs", sagt Hielscher. Zwar gebe es in den Verbänden – wie zum Beispiel dem Berufsverband der Frauenärzte e.V. (BVF) – langsam ein Umdenken, aber nicht wenige Ärzt*innen scheuten sich, zum Beispiel HIV-Tests aktiv anzubieten. Ihre Sorge: Die Frauen könnten denken, man wolle ihnen etwas unterstellen. In vielen Köpfen ist noch immer noch verankert, dass Frauen mit häufig wechselnden Partnern einen schlechten Ruf haben müssen. Männer werden deutlich seltener kritisiert, wenn sie viele Partner*innen haben. Und selbst wenn Ärzt*innen mit den Frauen offen über Sex und Risiken sprechen, müssen die Frauen für ein PrEP-Rezept zu HIV-Schwerpunktärzt*innen – ein zusätzlicher Weg, der die Hürde noch einmal erhöht.

"Wir wollen dazu beitragen, dass Frauen selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgehen und ihre Rechte einfordern", sagen Hielscher und Brandt. Das habe viele Aspekte. Über Sex und sexuelle Wünsche zu sprechen, sollte aus ihrer Sicht grundsätzlich nicht mit Scham behaftet sein. Fragen dürfen und sollen gestellt werden. Das Wissen über die Übertragungswege von STIs und entsprechende Schutzstrategien ermöglichen den Frauen mehr Selbstbestimmung. Und Nein heißt Nein, unabhängig von Kultur, Religion, Nationalität oder sozialem Status. "Eine Kollegin erzählte mir einmal von einer Frau, die sexuelle Gewalt erlebt hatte. Sie hatte sich aber nicht getraut, Anzeige zu erstatten, aus Angst, niemand würde sie ernst nehmen. Sie hatte sich zunächst auf den Täter eingelassen, wollte dann aber doch keinen Sex. Nach dem Übergriff quälte sie sich ein Jahr lang damit– und wollte dann einen HIV-Test machen, um für sich irgendwie mit der Tat abschließen zu können. Die Beruhigung sollte sein: nicht schwanger, kein HIV – dann kann mein Leben weitergehen. Das zeigt, mit welchen Ängsten Frauen umgehen müssen", sagt Hielscher. "Und oft sind diese Ängste leider nicht unbegründet, viele Frauen machen die Erfahrung, dass sie nicht ernst genommen werden. In unserer Gesellschaft gibt es immer noch viele Machtunterschiede, zwischen Arm und Reich, zwischen Männern und Frauen… Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen dieser Ungleichheiten bewusst werden und sich vor allem Männer solidarisch zeigen." Das spiele eine entscheidende Rolle für die Art von Gesellschaft, in der wir alle leben wollen. Mit Sorge beobachten Hielscher und Brandt, dass patriarchale Strukturen mancherorts eine Renaissance erleben. Ein Phänomen seien die so genannten Tradwives, die vorgeben, sich ganz in den Dienst ihres Mannes zu stellen, in Wirklichkeit aber oft erfolgreiche Geschäftsfrauen sind, die als Influencerinnen eine gewisse Rolle spielen.

Mit der Kampagne, die in der Woche vor dem Internationalen Frauentag startet, stellt XXelle auf Instagram jeden Tag einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt, zum Beispiel die geschlechtsspezifischen Herausforderungen, mit denen Frauen beim Thema HIV konfrontiert sind. Auch Aktivistinnen kommen zu Wort und berichten von ihren Erfahrungen. Die Frauen hoffen auf viel Solidarität aus der Community, damit der Traum von der Gleichberechtigung Wirklichkeit wird. Und vielleicht gibt es ja auch ein gemeinsames Nachbarschaftsfrühstück in der Rita-Süssmuth-Straße.

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