2023-02-16: Zwei positive Frauen finden ihren Beruf

Zwei positive Frauen finden ihren BerufFrei geschwommen und Stroh zu Gold gesponnen.


Ukraine, Energiekrise, Klimakrise. Und weiterhin Corona. Gibt es überhaupt noch andere Themen? In schwierigen Zeiten suchten wir nach Geschichten, die Mut machen. Und entwickelten – plakativ, wie Headlines oft sind – einen etwas grellen Arbeitstitel: Frau mit HIV meistert Krise und startet durch in Bilderbuchkarriere. - So viel zu unserer Suche. Dies ist, was wir fanden:

Johanna, Jahrgang 1989. Den ersten Impuls für ihren beruflichen Werdegang setzt ein Freiwilliges Soziales Jahr auf den Philippinen. Dort unterstützt die damals Einundzwanzigjährige die Mitarbeiterinnen eines Hilfsprojekts für Prostituierte, verteilt Kondome auf dem Straßenstrich, klärt über Gesundheitsschutz auf. Ein tougher Job für eine junge Frau weißer Hautfarbe. Doch schon bald brennt Johanna für das Projekt. Zurück in Deutschland studiert sie soziale Arbeit an der KFH Paderborn. Für ein Praktikum an der Aidshilfe ihres Studienortes bringt sie aus Asien schon das nötige Handwerkszeug mit. Sie fasst schnell Fuß und wird nach Praktikumsende ehrenamtliche Mitarbeiterin im Bereich Youthwork (HIV-Prävention in Schule und Jugendeinrichtungen). Dass sie selbst 2012 HIV-positiv getestet wird, erscheint geradezu zynisch. Sie ist schockiert und gekränkt: „Wie konnte MIR das passieren!“ Doch ihre hauptamtlichen Kolleg*innen fangen sie auf. Johanna wird optimal beraten, von erhobenem Zeigefinger keine Spur. Aidshilfe akzeptiert, dass – allen Aufkärungskampagnen zum Trotz - in der Lebenswelt junger Frauen nur Schwangerschaft präsent ist (die meist hormonell verhütet wird), nicht aber HIV.

Doch auch wenn die Diagnose sie nicht aus der Bahn wirft, verändert sich einiges: HIV, bislang 'nur' anspruchsvolles Tätigkeitsfeld sozialer Arbeit, betrifft sie plötzlich privat. Aber Johanna spinnt Stroh zu Gold. Sie informiert sich zu allen Aspekten des Themas und betreibt eigene Forschung. Als sie in einem Arbeitskreis ihre Bachelorarbeit vorstellt – eine sozialwissenschaftliche Studie zu Erfahrungen HIV-positiver Frauen während erlebter Schwangerschaften und Geburten – hört man im Raum eine Stecknadel fallen. Auf ihr Bachelor-Studium sattelt sie ein Masterstudium "angewandte Sexualwissenschaft" - ideales Begleitstudium für ihre erste Berufstätigkeit an einem Jugendzentrum. Der Paderborner Aidshilfe bleibt sie treu, ja sie wird nach drei Jahren ehrenamtlichen Youthworks in den Vorstand gewählt. Heute ist sie dort erste Vorsitzende, zudem Vorstandsmitglied der Aidshilfe NRW (Landesverband). Und seit 2018 arbeitet sie, in der Nachbar-AH Bielefeld, auch hauptberuflich für Aidshilfe. Weiterhin brennt sie für das, was sie tut - die Beratung und Begleitung positiver Frauen, die landesweite Frauenarbeit im Kontext HIV und die Kommunikation der Bedürfnisse von Menschen mit HIV in die Politik.

Claire, Jahrgang 1968. Mit einem Einserabitur scheint sie beste Startbedingungen zu haben. Doch es zeigt sich, dass sie mit Jura und später BWL zwei Studienfächer gewählt hat, die ihr überhaupt nicht liegen. Sie bricht beides ab, jobbt in der Gastronomie und lernt dort ihren zukünftigen Ehemann Ricardo kennen, der zunächst mit einem Freund und später mit ihr ein Restaurant betreibt. 1996 ist sie "glücklich schwanger". Doch die Welt bricht für sie zusammen, als sie im Rahmen der Untersuchungen positiv getestet wird. "Kann und darf ich das Kind überhaupt austragen?" Sie wird beruhigt, wenngleich Beruhigung lange nicht greift. Denn erst seit kurzem gibt es Medikamente, die ein Fortschreiten der Erkrankung verhindern, ebenso die Infektion des Ungeborenen im Mutterleib. Letztendlich fällt Claire eine Entscheidung, der sie alles andere unterordnet. "Ich werde meine Tochter gesund zur Welt bringen. Ich werde keine kranke Mutter sein. Ich werde leben, bis sie Abitur hat!" - Aber bei aller Fokussierung auf ihre Rolle als "beste Muttervariante der Welt" hört sie nicht auf, im Restaurant mitanzupacken. Chefin und gute Seele zugleich, baut sie Strukturen auf und setzt Akzente, plant Menüs und ist im Service präsent. Zunächst für ein Taschengeld, aber das ändert sich, als sie feststellt, dass ihr Mann sie betrügt und sie sich einen "Plan B" erarbeiten muss. Erster Schritt: Sie fordert ein Gehalt - und beginnt sich freizuschwimmen. Übrigens auch wörtlich: Sie entdeckt das Schwimmen, und beim Ziehen unendlicher Bahnen kehrt ihr verloren geglaubtes Körpergefühl zurück. Gleichzeitig verändert sich ihr Denken: Ständige Selbstabwertung weicht der Entschlossenheit, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Zwar verbleibt sie nach Trennung vom Ehemann zunächst im Betrieb, um Geld anzusparen. Zwar ist auch ihre anschließende Tätigkeit in einem Mineralwasservertrieb nur eine Zwischenstation. Eine Station allerdings, auf der sie jede Menge Berufserfahrung in Vertriebslogistik sammelt und erkennt, dass Veränderungen Chancen bieten. Und die Grundrichtung ist gefunden: Nach dem Abitur ihrer Tochter absolviert sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation. In diesem Beruf arbeitet sie, als Vertriebsunterstützerin einer Baufirma, seit 2018 erfolgreich und mit Freude. Privat an ihrer Seite ihr zweiter Ehemann, mit dem sie seit mehreren Jahren glücklich verheiratet ist.

Sicherlich ist Claires Berufsweg der kompliziertere. Seit Studienabbruch zweifelt sie an ihren Fähigkeiten. Ihr enttäuschter Vater – schließlich sollte sein einziges Kind erste Uniabsolventin der Familie werden! - haut in dieselbe Kerbe. Die Infektion steigert ihre Anfälligkeit für Selbstentwertung. Wie so viele Menschen mit HIV erlebt sie Scham, Schuld und das deprimierende Gefühl, nicht mehr begehrenswert zu sein. Ricardos Betrug ist Wasser auf ihre Mühle. Sich outen, "darüber sprechen", was ihr "eine Last genommen hätte", kommt nicht in Frage. Von Freund*innen zieht sie sich zurück, selbst engste Angehörige werden nicht ins Vertrauen gezogen. Zu groß die eigene und Ricardos Angst, es könne im Restaurant "etwas durchsickern". Stattdessen kommt Heimlichkeit in ihr Leben - oft lügt sie „an der Wahrheit entlang“. Das kostet Kraft. - Doch, motiviert durch ihre Mutterschaft und stets ermutigt von ihrer großartigen Ärztin, lernt sie auch Selbstfürsorge. "Die Substanz verbessern", nennt sie es. "Gut essen, ausreichend schlafen, für Bewegung sorgen. Mich mit schönen Dingen umgeben!" Und in der Auseinandersetzung mit der Erkrankung wächst ihr Einfühlungsvermögen. Wer mit ihr spricht, spürt sofort ihre besondere Art zuzuhören, sich in andere hineinzuversetzen. Freund*innen und Kolleg*innen tut sie gut.

Auch Johanna kennt Tiefen. Corona zeigt ihr Grenzen auf. Sie will allen beweisen, dass sie trotz eigener chronischer Erkrankung quasi rund um die Uhr da ist für ihre Klient*innen, die durch das neue Virus zutiefst verunsichert sind. Das bringt sie an den Rand eines Burnouts. Glücklicherweise zieht sie rechtzeitig die Reißleine, reduziert ihre Arbeitszeit und erholt sich. Anstrengende Geheimhaltung ist ihr ebenfalls nicht fremd. "Irgendwann wusste ich nicht mehr, wem ich 'es' eigentlich gesagt habe und wem nicht." 2020 wagt sie dann einen mutigen Schritt: Sie leiht ihr Gesicht der deutschlandweiten Plakatkampagne zum Welt-Aids-Tag. Auch ihr Mann Simon, selbst HIV-negativ, ist auf dem Plakat zu sehen. "Unser Problem ist die Hausarbeit", lautet die Botschaft. "Nicht HIV!" - Als Angestellte der Aidshilfe Bielefeld sitzt Johanna beruflich jetzt fest im Sattel. Die Kolleg*innen stehen geschlossen hinter ihr, der Arbeitsplatz ist gleichzeitig Schutzraum. Dennoch hat sie vor dem Kampagnenstart Herzklopfen. Aber Diskriminierung oder Hasstiraden bleiben aus. Und Johanna hat nun die Freiheit, den eigenen Erfahrungshorizont als positive Frau in die Beratung miteinzubringen. Ein wertvolles Tool, das – überlegt eingesetzt – dem Beratungsgespräch besondere Dichte verleihen kann.

"Bilderbuchkarriere" trifft es nicht. Johanna und Claire erfüllen keine Klischees, ihre Berufswege sind individuell und facettenreich. Der eine verläuft geradlinig, nicht nur, aber auch wegen HIV. Der andere führt über Nebenstrecken, nicht nur, aber auch wegen HIV. Doch beide Wege machen Mut – und sind noch lange nicht zu Ende!

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